Wie wollen wir zusammen leben?
 

POSITIONIERT EUCH!

Ein Manifest des Raums für Alle


Raumforderung als Förderung der Utopie eines friedlich-kommunikativen Miteinanders

Wie in intimen Räumen, so stellt sich auch im öffentlichen (Raum) irgendwann die Herausforderung, sich absichtlich und verantwortungsvoll zu positionieren. Denn Zusammenleben ist kein Nebenschauplatz — es gehört gemeinsam hinterfragt und verhandelt. An dieser gemeinsamen Aushandlung sollten sich alle Menschen, die in einer Stadt zusammen leben, beteiligen dürfen, können und wollen.

Wenn wir (als Antwort auf die oben gestellte Frage) in Anlehnung an Stéphane Hessel rufen: Positioniert euch! — so ist dies ein vielseitiger Imperativ, der zu einem Stellung-Beziehen in abstrakten, sowie in realen, sozialen, urbanen Räumen auffordern soll. Wer sich positionieren kann, muss vorher wissen, was er/sie will. Und was fordert das Wissen um das eigene Wollen / Begehren / Wohlempfinden besser zutage, als der Austausch mit anderen? Oft helfen neue Perspektiven, um erst zu realisieren, wieviel Raum in diesem Raum ist! Denn da ist noch ganz schön viel ungenutzter Handlungsspielraum in dieser l(i)ebenswerten Stadt! Und eine Stadt lieben heißt auch, sie zu fordern — sie nicht sein zu lassen, wie sie ist, sondern sie noch besser machen zu wollen. Wo sind die Potentiale, die wir nicht sehen? Was alles können wir an urbanen Räumen tun?

Positioniert euch in freien Räumen!


Lasst uns mit neuen Augen sehen, wo und was alles „Freiraum“ ist! Der marodierende Bereich unter der Brücke, den Du 3x am Tag durchquerst und dich immer dezent fürchtest — mach ihn zu Deinem Projekt! Wie kann dieser tote Winkel noch aussehen und warum bereichert das auch die Ästhetik Deiner Nächsten? Was kann, darf, muss dabei bedacht werden?

Schon klar! Das alte Spiel: Mein Freiraum hört auf, wo deiner endet. Jedoch beginnt mein Freiraum auch in deinem. Und das kann bedeuten, dass deine Blumen meinen Weg schmücken und deine nachtaktive Solarleuchte meinen Heimweg erst sicher und heimelig macht.

Aufwerten und aktiv mitgestalten!


Jede*r soll den Stadtraum auch nutzen können, wenn die Hosentaschen geldfrei sind. Und bei dieser Nutzung will niemand sich fühlen wie ein geduldeter Parasit, der sich im letzten Winkel ohne Licht auf eine Bank setzen darf, deren versteilte Lehne oder geteilte Sitzfläche bedingt, dass das Vergnügen sich in engen Grenzen hält. Statt die Barrieren zu stylen — sic! — wollen wir gestylte Flächen für alle: Wir fordern die Erhaltung und Aufwertung nutzungsoffener Bereiche, die von den Stadtbewohner*innen aktiv mitgestaltet und genutzt werden können.

Gebt Euch nicht zufrieden – fordert mehr!


Es kann in zwei Richtungen gehen. Der frei zugängliche urbane Raum kann schrittweise durch die Dominanz einer konsumorientierten Verwertungslogik dezimiert ODER zusätzliche qualitativ hochwertige Freiräume können geschaffen werden. Beispiele wie die Wientalterrasse oder die East River Waterfront in New York zeigen die Möglichkeiten durchdachter Freiraumerweiterung auf.

Seid verschieden!


Der Donaukanal soll ein Ort für alle Menschen sein — unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialem Status, Herkunft und Einkommen.

Betrachtet — wie der Innsbrucker Professor Dr. Erol Yildiz — Diversität als urbane Ressource!

Positioniert euch gegen Ausgrenzung und Verletzung - lebt Zivilcourage!


Die neuesten gesellschaftlichen Entwicklungen — europa- und weltweit — machen deutlich, dass auch zu einem Positionieren gegen die Ausgrenzung, Beleidigung oder Verletzung anderer explizit aufgerufen werden muss. Gegen jede Form des antisemitischen, rassistischen, auf den Nationalsozialismus (oder ähnliche Regime des Grauens) referenzierenden Agierens, sowie von jedem diskriminierenden Gedankengut, beispielsweise aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Behinderung ist aktiv Stellung zu beziehen. Alleine, im Zusammenschluss mit anderen Akteur*innen vor Ort oder unter Einbezug von Hilfe von außen.

Jenseits aller Parteienzugehörigkeit muss in gemeinsamen urbanen Räumen auch diesbezüglich gelten: Positioniert euch! Wenn ihr mitbekommt, dass jemandes seelische und/oder körperliche Unversehrtheit derart verletzt oder bedroht wird, steht auf und stellt euch dagegen! Zivilcourage ist wichtiger Bestandteil (auch) im urbanen Raum!

Seid kreativ, findet neue Möglichkeiten des Neben- und Miteinander!


Was braucht ihr, um euch gut zu fühlen? Musik? Stille? Austausch? Kontemplation? Dann schafft euch Flächen! Denn jedes Bedürfnis ist in so einer großen Stadt ein geteiltes!

Gegen die Winterdepression wäre es schön, ein Ganzfeld von James Turrell für alle zu haben? Think big! Greifen wir doch mal den Diskurs der Wahrnehmungspsychologie auf und denken eine Runde zusammen, wo/wie eine Lichtinstallation die Seelen vieler Städter*innen heiler durch den Winter brächte!

Oder ein Kontemplations-Passage für die Lesenden der Stadt? Nur ein Buch und Du! Und daneben ein anderes Du mit Buch! Ganz ohne Hund und Lärm und Eisgeklecker, ohne Grölen und Stolpern und Aufzugmusik?

Oder ein Speakers-Corner? Eine Zone für die Ruhe! Und eine für die Begegnung! Für den Austausch! Und das Tauschen von Dingen! Eine Zone um auf Neues zu kommen!

Nehmt euch Raum!


Aneignungsprozesse und -projekte — wie beispielsweise die Aktion „Malen am Kanal“ bei der Franzensbrücke — müssen am Donaukanal weiterhin möglich sein.

Sich Raum nehmen ist kein aggressiver oder gar destruktiver Akt. Machen wir uns klar, wie wir uns Raum nehmen können, um ihn dann zu teilen! Sich Raum aneignen kann als soziales Fest gefeiert werden. Seien wir behutsam und inkludierend! Wer das Gefühl hat, dass Raum auch ihm/ihr gehört, der/die wird damit liebevoll und achtsam umgehen. Deine Lieblingsbank im Park, deine drei Quadratmeter am Stadtkanal, in denen Du so richtig aufblühst: Gestalte und empfange Gäste! Borge her & rutsch ein Stückerl!

Überprüft die Zielsetzungen!


Die Stadt Wien hat gute Konzepte von renommierten ExpertInnen ausarbeiten lassen. Beispielsweise empfehlen die Gestaltungs- und Entwicklungsleitlinien (Donaukanal Partitur) „eine künftige Haltung zum Donaukanal, die die Zukunft dieses Raums nicht ‚verbaut‘, sondern explizit freihält für Spontanes, Sich-Entwickelndes, für partizipative Projekte.“ Auf der anderen Seite häufen sich Medienberichte über die Kommerzialisierung und „Ballermannisierung“ des Donaukanals (siehe Linksammlung). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit und kritischer Beobachtung der Veränderungen im öffentlichen Raum. Abweichungen von positiven Zielsetzungen müssen nicht einfach hingenommen werden.

Plakat


Unter dem Pflaster liegt der Strand.

Unter dem Pflaster liegt der Strand.

Literatur


DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE - Eine Gebrauchsanleitung
Edition Nautilus, 2007
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Henri Lefebvre
Die Revolution der Städte. La Révolution urbaine.
Europäische Verlagsanstalt, 2014
(Original: La révolution urbaine, Paris, 1970)
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»Die Stadt und die städtische Realität unterliegen dem Gebrauchswert. Der Tauschwert, die allgemeine Durchsetzung der Ware im Zug der Industrialisierung, unterwirft sich tendenziell die Stadt und die städtische Realität und zerstört die Stadt, die Zuflucht des Gebrauchswertes und Keim einer virtuellen Vorherrschaft und einer Aufwertung des Gebrauchs ist.«

Henri Lefebvre
Das Recht auf Stadt
Edition Nautilus, Hamburg, 2016
(Original: Le droit à la ville, Paris 1968)
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»Der Begriff des Spektakel vereinigt und erklärt eine große Mannigfaltigkeit von erscheinenden Phänomenen. Ihre Verschiedenheiten und Kontraste sind die Erscheinungen dieses gesellschaftlich veranstalteten Scheins, der in seiner allgemeinen Wahrheit wiedererkannt werden muß. Das Spektakel ist, seinen eigenen Begriffen nach betrachtet, die Behauptung des Scheins und die Behauptung jedes menschlichen, d.h. gesellschaftlichen Lebens als eines bloßen Scheins.«

Guy Debord
Die Gesellschaft des Spektakels
Edition TIAMAT, Berlin, 1996
(Original: La société du Spectacle, 1967)
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Niels Boeing
Von Wegen
Überlegungen zur freien Stadt der Zukunft
Edition Nautilus, 2015
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Naomi Klein
No Logo! Der Kampf der Global Players um die Marktmacht
Riemann Verlag, 2001
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Roland Barthes
Mythen des Alltags
Suhrkamp, 2012

Linksammlung


Masterplan - Zielgebiet Donaukanal (PDF)
Stadt Wien
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Donaukanal Partitur (PDF)
Gestaltungs- und Entwicklungsleitlinien für den Wiener Donaukanal
Planverfasserinnen: Mag. Arch. M. Arch.II Gabu Heindl und Mag. Arch. Susan Kraupp
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Öffentlicher Raum - Transformationen im Städtischen (PDF)
Magistratsabteilung 19 – Architektur und Stadtgestaltung
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Aneignung des öffentlichen Raumes: Um was geht es eigentlich?
Magali De Rocco / Gary Diderich
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Donaucanale für alle
BürgerInneninitiative Donaukanal
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Wiens neue Formen des Bürgerprotests
ORF.at
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Der Kommerz am Donaukanal wird zum Problem
Vice Magazin
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Steht das Ende des Donaukanals bevor?
NEWS
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Bussi-Bussi am Donaukanal
FALTER
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Aufstand am Donaukanal wegen Neuvergabe von Lokalflächen
Der Standard
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»Die Stadt ist ein Utopien-Ort, sie ist Experiment, Veränderung, Erneuerung. Die Stadt entsteht aus einem Gefühl von Gemeinsamkeit, die verloren geht, wenn Öffentlichkeit zu Privatbesitz wird. Gemeinsamkeit ist der Anfang von Veränderungen.«

Gentrifizierung - Die Stadt ist kein Ort für Egoisten
Der Spiegel
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Der öffentliche Raum wird knapp in Wien
A&W blog
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»Die Bewohner müssen von Statisten zu Neu-Erfindern der Stadt werden.«

Kritische Zone
Niels Boeing
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»Für die unternehmerisch orientierte Erlebnisstadt ist die offensive Umformung des Zentrums zu ausdifferenzierten Konsumräumen kennzeichnend. Insbesondere die City soll für eine urbane Lebensqualität bürgen. Um dies zu garantieren, findet auch eine verstärkte ordnungspolitische Regulierung von öffentlichen Räumen statt.«

Wenn sich das Zentrum nur um den Konsum dreht
Interview mit dem Stadtforscher Klaus Ronneberger
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»Wenn Städte und Gemeinden für die Menschen gebaut werden, die in ihnen wohnen, leben, arbeiten und Freizeit verbringen, wenn sie sich am 'menschlichen Maß' orientieren wollen, wie es der dänische Stadtplaner Jan Gehl fordert, dann spielt der öffentliche Raum, der Raum zwischen den Gebäuden, dafür eine entscheidende Rolle: dort bewegen sich die Menschen, dort verweilen sie, dort kommen sie miteinander in Kontakt – oder auch nicht.«

Bewegen, verweilen, bestaunen: die Qualität des öffentlichen Raums
Petra-Kelly-Stiftung
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3 Lush Parks Drastically Remake the East River Waterfront
New York Times
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ARL
Akademie für Raumforschung und Landesplanung
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space and place
Kulturelle Raumgestaltung
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dérive
Zeitschrift für Stadtforschung
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s u b \ u r b a n
Zeitschrift für Stadtforschung
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Stadtform
Magazin für urbane Lebenskultur
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Adbusters Media Foundation
Journal of the Mental Environment
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Zentrum für politische Schönheit
Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit — zum Schutz der Menschheit.

Wir


»Strandbar Pflasterstrand« ist ein Projekt von

Helmut Prochart
(sitedefinition | helmut.prochart.at)

und

Reingard Schusser
(Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst - Hildesheim).